Diese Vortragsmitschrift ist nach einer Weiterbildungsveranstaltung mit Heidi Pomränke am 23. November 2002 beim Landestreffen der AFS Nordrhein-Westfalen in Wuppertal entstanden.
Wirbelsäulenfunktionsstörungen haben in den letzten Jahren scheinbar explosionsartig zugenommen. Dies ist laut Heidi Pomränke dadurch zu erklären, dass heute genauer hingeschaut wird, aber nicht unbedingt dadurch, dass diese Störung häufiger auftritt.
Heidi Pomränke befürwortet deshalb ausdrücklich eine Routineuntersuchung bei allen Babys, da spätere degenerative Erkrankungen wie Hüftgelenksprobleme oder Bandscheibenvorfälle oft ihre Ursache in Wirbelsäulenfunktionsstörungen in der Kindheit haben. Leider haben viele ärzte sehr wenig Wissen über Wirbelsäulenproblematiken und ihren Zusammenhang mit anderen Bereichen des Körpers.
Die Craniosacrale Therapie wurde vor 70 Jahren von dem Journalisten, Mediziner und Osteopathen William Sutherland begründet [Anmerkung BB: Cranium: Schädel, sacralis: zum Kreuzbein gehörend].
Sutherland stellte fest, dass das menschliche Schläfenbein (Os temporale) über dem Ohr von der Struktur her den Kiemen bei Fischen ähnelt. Daraus entwickelte er die Idee, dass das Schläfenbein eine Art Atmung haben könnte, die von einer wasserbetriebenen Pumpe erzeugt wird.
Diesen Ansatz überprüfte er bei vielen Menschen durch palpieren, d. h. Untersuchung durch Abtasten. Bei allen Untersuchten fand er eine Bewegung des Os temporalis; der Kopf wird bei allen Menschen schmal und weit. Sutherland stellte fest, dass diese Bewegung bei jedem Menschen anders ist, mal schneller, mal langsamer, mal kraftvoll und mal schwach.
In einem Selbstversuch fixierte er seinen Kopf in einem Helm und stellte diesen immer enger, bis sein Kopf sich nicht mehr ausdehnen und zusammenziehen konnte. Die Auswirkungen waren erschreckend: Er verlor die Kontrolle über Teile seines Körpers und entwickelte psychische Störungen. Die Symptome verschwanden, als er den Helm entfernte.
Das Gehirn wird von der harten Hirnhaut (Dura mater) wie von einer Mütze umschlossen. Sie verbindet als Dura mater encephali das Hirn mit dem Schädel. Durch das große Hinterhauptsloch (Forum magnum) tritt die harte Hirnhaut aus dem Schädel aus und umspannt als Dura mater spinalis das Rückenmark der gesamten Wirbelsäule bis zum Kreuzbein. Festgemacht ist die Dura mater spinalis am Forum magnum, an der Halswirbelsäule im Bereich C3/C4 und am Kreuzbein.
Die vier Hirnventrikel pumpen durch die gesamte Dura mater Liquor, die Hirnflüssigkeit. Die Hirnflüssigkeit wird aus Blut gebildet und die Ventrikel filtrieren den Liquor. Der Liquor umspült das gesamte Gehirn, auch zwischen den Hirnhälften, und fließt im Spinalkanal. Er ernährt das Gehirn, reinigt es durch Aufnahme von Stoffwechselstoffen und schützt das Hirn und Rückenmark durch seine Pufferfunktion.
Der Schädel besteht aus vielen verschiedenen Knochen, die über Nähte miteinander verbunden sind. Diese Nähte sind bei einem gesunden Menschen nicht starr, sondern beweglich.
Alle Zellen des menschlichen Körpers schwimmen in Wasser. (Wir bestehen zu 80% aus Wasser.) Der Liquor verbindet sich über Spinalnerven mit dem Zellwasser und gibt Stoffwechselrückstände an das Lymphsystem und das Blut ab. Dort werden die Rückstände den Ausscheidungssystemen zugeführt oder abgebaut.
Der Liquor-Kreislauf ist der 3. Kreislauf neben dem Blutkreislauf und der Atmung bzw. dem Sauerstoffkreislauf. Er wird auch als craniosacraler Kreislauf oder Zellatmung bezeichnet.
Wenn sich die Dura an einer Stelle verklemmt, führt das zu einem Problem im craniosacralen Kreislauf. Ein Engpass ist das große Hinterhauptsloch (Forum magnum). Klebt die Dura hier fest, entstehen Funktionsstörungen der oberen Kopfgelenke (KISS-Syndrom), die mit dem Forum magnum verbunden sind.
Durch das Forum magnum läuft der Nervus vagus, der unter anderem den gesamten Magen-Darm-Trakt steuert und für die Sedierung (Ruhigstellung) des Menschen zuständig ist. Ist der Nervus vagus eingeengt, kann er nicht richtig arbeiten. Dies führt unter anderem zu Schlaflosigkeit, Unruhe und Verdauungsstörungen (bei Babys oft als 3-Monats-Koliken oder Blähungen bezeichnet); die Kinder kommen nicht zur Ruhe.
Verklemmt sich die Dura an einer Stelle, entsteht ein schiefer Zug. Dieser kann sich auf die Kiefergelenke (Kreuzbiss, etc.), die Augenmuskeln (Schielen, Fehlsichtigkeit, etc.), den Nasen-Rachenraum bis hinunter zum Kreuzbein, zur Hüfte und zu den Füßen auswirken. Durch die Verbindungen über die Spinalnerven mit dem gesamten Körper kann eine verklebte Dura auch alle anderen Bereiche des Körpers in Mitleidenschaft ziehen. Beispielsweise kann sich möglicherweise die Leber nicht mehr drehen und ist deshalb in ihrer Funktion eingeschränkt.
Bei einer spontanen Geburt werden durch den Druck beim Durchtritt des Kindes durch die Scheide die kleinen Schädelknochen verschoben. Diese kleinen Schädelknochen schwimmen auf der Dura. Schieben sich diese Knochen nicht wieder an ihren ursprünglichen Platz zurück oder verklemmt sich die Dura bei den Lageveränderungen der Schädelknochen, können Probleme mit dem craniosacralen Kreislauf auftreten.
Ein Kaiserschnitt ist anscheinend für die Dura unproblematischer, weil sich die Schädelknochen nicht in dem Maß verschieben wie bei einer spontanen Geburt. Durch die große Zugbelastung beim Herausheben des Kindes aus dem Bauch (vgl. Warum ist ein Kaiserschnitt ein Risiko für eine Halswirbelsäulenfunktionsstörung?) kann sich die Dura auch bei einem Kaiserschnitt verklemmen. Darüber hinaus fehlt einem Kaiserschnitt-Kind die von der Natur vorgesehene Kompression der Lunge und des gesamten Körpers. Dies kann zu weiteren Störungen führen.
Bei Babys kommt es durch eine verklemmte Dura oft zu Stillschwierigkeiten. Häufig trinkt das Kind an einer Seite wesentlich schlechter oder gar nicht oder erfasst die Brustwarze an einer Seite schlechter, was zu wunden Warzen, Schmerzen, Milchstau bei der Mutter und einer Gedeihstörung beim Kind führen kann.
Der Craniosacrale-Therapeut versucht, eine tiefe Entspannung herzustellen und in dieser Entspannung die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren. Bei Kindern geschieht dies oft durch ein innerliches Hinrücken der Knochen. Babys kommen häufig mit einer Sitzung aus; bei größeren Schwierigkeiten sind unter Umständen vier bis fünf Sitzungen notwendig. Die craniosacrale Therapie geht dabei immer mit dem, was da ist und niemals dagegen. Sie spürt nach, welche Störungen da sind und regt den Körper dazu an, sich selbst zu heilen. Deshalb ist diese Methode auch ungefährlich und unschädlich.
Vor dem Beginn der Behandlung ist es angezeigt, den Patienten aufzuklären und Kontakt mit ihm aufzunehmen. Auch Säuglingen und Kindern sollte erklärt werden, was der Therapeut mit ihnen vorhat, auch wenn kleine Kinder eine so komplexe Materie scheinbar nicht verstehen können. Gerade bei Kindern sollte auf ein Zeichen oder eine Bestätigung gewartet werden, dass sie mit der Untersuchung und Behandlung einverstanden sind. Zeigt ein Kind, dass es nicht will oder noch nicht so viel will, braucht es mehr Zeit oder einen anderen Weg, um sich selbst zu heilen. Wird diese Vereinbarung mit dem Kind eingehalten, entwickelt sich Vertrauen und ein Seelenkontakt zwischen Kind und Therapeut.
Die Anamnese umfasst die Palpation (Abtastung) der Nähte und Gelenke, um Verklebungen festzustellen und die manuelle Untersuchung der faszialen Ebene (Hautebene), um Störungen zu ertasten.
Verklebungen der Dura werden durch Auflegen der Hände gelöst. Hat sich die Dura im inneren des Kopfes verklemmt, wird von außen an den Schädelnähten gearbeitet. Die Arbeit an der Dura soll ihre volle Funktionsfähigkeit wiederherstellen. Dabei muss nicht unbedingt da, wo sich ein Problem zeigt, auch die Ursache liegen. Ein Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule kann unter Umständen durch eine Verklebung der Dura am Forum magnum indiziert werden, eine Hüftreifungsverzögerung beispielsweise durch eine Funktionsstörung am Iliosakralgelenk (ISG).
Die Geburt eines Kindes ist ein Trauma, bei den meisten Menschen das schwerste Trauma ihres Lebens und gleichzeitig lebensnotwendig. Die ersten Stunden nach der Geburt eines Kindes sind häufig prägend für das ganze weitere Leben. Durch die craniosacrale Therapie kann das Geburtstrauma verarbeitet werden, z. B. durch die Ermöglichung eines neuen Bondings oder das Neu-Erleben der Geburt.
Direkte Zeichen: (Symptome, die sofort nach der Geburt sichtbar sind)
Indirekte Zeichen: (Symptome, die sich in den Wochen nach der Geburt entwickeln)
Zu einem Rückfall bzw. Festkleben der Dura kann es in schwierigen Lebensphasen kommen, z. B. bei Trennung der Eltern oder schweren Erkrankungen.
Auch wenn es für viele Eltern schwer zu sein scheint und vom Kind nicht gewollt: Kinder brauchen Grenzen. Diese Grenzen oder Familiengesetze sollten von allen eingehalten werden. Ein Kind ohne Grenzen fühlt sich in dieser Welt verloren und wird so lange seine Eltern bearbeiten oder auch tyrannisieren, bis sie ihm Grenzen setzen. Eine Grenze ist Begrenzung und Schutz, nicht nur für das Kind sondern auch für seine Eltern. Glückliche Eltern machen glückliche Kinder!
Durch das Saugen an der Brust und eine lange Stillzeit wird in der Nackenmuskulatur viel gerichtet. Deshalb ist es gerade für Kinder mit Wirbelsäulenfunktionsstörungen enorm wichtig, dass sie gestillt werden. Saugt ein Kind an der Brust (oder am Schnuller bzw. an der Flasche), entlastet es damit seine Nackenmuskulatur.
Das Trinken an der Flasche bzw. Saugen an einem Gummisauger hat gegenüber dem Stillen den Nachteil, dass ein Hautkontakt fehlt. Die sinnliche Erfahrung über die Haut ist tausendmal besser als über einen Gummisauger.
Bei Stillproblemen sollten die Eltern oder die Stillberaterin mit dem Kind sprechen und ihm erklären, was los ist. Die Mutter kann ihrem Kind beispielsweise sagen, dass sie weiß, dass das Trinken an der einen Seite für das Kind unangenehm ist und dass sie versuchen wird, eine für das Kind angenehme Position zu finden.
Hilfreich kann hier das Anlegen ohne direktes Anfassen mit Hilfe eines (Still-)Kissens sein oder das Stillen in der Fußballhaltung, bei der die Füße des Kindes am Rücken der Mutter liegen und sein Bauch an der Seite der Mutter.
Niemals sollte ein Kind mit dem Nackengriff an die Brust gedrückt werden. Dies ist schon für gesunde Kinder ein unangenehmer Griff; Kinder mit Wirbelsäulenfunktionsstörungen können darauf mit anhaltender Brustverweigerung reagieren.
Die craniosacrale Therapie wird von den Krankenkassen nicht übernommen. Osteopathische Behandlungen werden meistens von den privaten Kassen bezahlt; die gesetzlichen Kassen zahlen sie nicht. Eine Sitzung dauert ca. 45 Minuten und kostet bei Heidi Pomränke 55 Euro.
Heidi Pomränke hat ihre Praxis in Wuppertal. Sie ist Heilpraktikerin, Psychotherapeutin und CS-Therapeutin mit 12jähriger Erfahrung, sowie Ausbilderin für Craniosacraler Therapie.
Stand: 23. November 2002
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