Diese Vortragsmitschrift ist nach einem Vortrag von Heiner Biedermann am 25. September 1999 in Arnheim entstanden.
Heiner Biedermann ist orthopädischer Chirurg, der seit 20 Jahren manualtherapeutisch behandelt. Seit 16 Jahren führt er Manualtherapie bei Kindern durch.
In der BRD ist die Manualtherapie gut akzeptiert, in den Niederlanden gibt es Gebietskämpfe mit den Kinderphysiotherapeuten.
Wichtig ist die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Problemen, damit sie später nicht größer werden. Es gibt möglicherweise eine Verbindung von frühen Problemen und Störungen, die 10-20 Jahre später auftreten. In den Niederlanden gibt es beispielsweise eine Untersuchung, die sich mit den Spätfolgen durch die Geburt, z. B. bei Bluthochdruck beschäftigt.
KISS, die Kopfgelenks-Induzierte-Symmetrie-Störung, ist eine Fehlfunktion eines Gelenks. Darunter fallen keine Verkrüppelungen oder Ergüsse.
Frei nach Karl Marx: das Sein prägt das Bewusstsein oder auch "wenn einer schief ist, ist ihm alles schief".
Die Schiefheit ist lange bekannt und wurde früher als physiologische, d. h. nicht zu behandelnde Säuglingsskoliose bezeichnet. Denn nach der Vertikalisierung verschwindet das Symptom der Schiefheit anscheinend. Nicht jedes schiefe Kind zeigt alle Symptome; es gibt hier eine große Palette von Möglichkeiten, z. B. sensomotorische Störungen (Wahrnehmung der Räumlichkeit, Balance, Zur-Ruhe-Kommen).
Bei der Anamnese werden neben den Schilderungen der Eltern die dokumentierten Ergebnisse der U-Hefte sowie Familienfotos berücksichtigt. In der Frühphase der Entwicklung eines Kindes ist häufig eine große Schiefheit beobachtbar.
Bei größeren Kindern kann eine asymmetrische Haltung festgestellt werden, wenn die Kinder vor den Kacheln im Badezimmer stehen. Manchmal kommt es auch zu einem zu geraden Rücken, wenn die doppelte S-Krümmung durch eine zu stark nach hinten gebogenen Lendenwirbelsäule nicht ausgebildet wird.
Bei Babys kommt es häufig zu einer starken fixierten überstreckung nach hinten und damit oft zu einseitigen Stillproblemen. Auch wird eine Lage entweder die Bauch- oder die Rückenlage nicht akzeptiert.
Leider werden Kinderkörper oft als kleine Erwachsenenkörper betrachtet. Die Erwachsenenideen werden zu Kinderideen geschrumpft. Dies missachtet aber die verschiedenen Lebensphasen der Kinder.
Oft heißt es beim ersten Kind, die Eltern sollen sich nicht wegen jedem "Scheiß" aufregen. Bei Auffälligkeiten des Kindes ist die Abgrenzung zur Pathologie schwierig: ist das Kind einfach etwas langsamer oder kann es nicht anders?
In den Phasen des Robbens, Sitzens und Stehens wird die Wirbelsäule ausgeformt. Dies kann durch Spannungen am Hals negativ beeinflusst werden.
Die Wirbelsäule wurde ursprünglich für den Vierfüßler-Gang entwickelt und ist deswegen horizontal aufgebaut. Bei den Primaten ist ein kurzes Aufrichten auf zwei Beine möglich; das Becken ist gerade. Der Mensch besitzt hingegen ein gekipptes Becken mit einer empfindlichen Struktur.
In einer niederländischen Studie wurde bei mehr als 50% der Neugeborenen Geburtsverletzungen (Blutergüsse, Deformationen u.ä.) gefunden. Die Halswirbelsäule wurde hierbei nicht untersucht. Die große Zahl der Verletzungen ist nicht weiter verwunderlich, denn das Kind hat bei der Geburt den schwersten Weg hinter sich gebracht. Die Eltern sind glücklich, wenn ihr Kind auf der Welt ist, die Hebamme und die Ärzte auch, nur das Baby schreit.
Bei der Vorderhauptslage wird unter der Geburt ein enormer Druck auf den Nacken ausgeübt. Eine frühe Einstellung des Kindes in das Becken etwa sechs Wochen vor der Geburt reicht aus, um den Nacken des Kindes zu ärgern.
Der Durchtritt durch das Becken ist Millimeterarbeit. Ist der Geburtskanal um 5 mm im Durchmesser verengt reicht dies oft schon aus, damit das Baby steckenbleibt. Bei der Geburt gibt es hier keine Reserven.
Vor Erfindung der Vollnarkose wurden stecken gebliebene Kinder wegen ihrer Größe im Bauch der Mutter zerstückelt, damit wenigstens die Mutter überlebte.
Der Nacken ist ein hochsensibler Punkt im menschlichen Körper. Ein Mensch hat theoretisch zwei Möglichkeiten, ein Buch zu lesen: der Kopf geht rauf und runter oder der Kopf wird ruhig gehalten und das Buch auf und ab bewegt. Die Bewegung ist für das Auge die gleiche, aber im zweiten Fall kann das Buch nicht gelesen werden.
Schulkinder mit Nackenproblemen haben deswegen häufig Konzentrationsprobleme. Sie können akustische Signale nicht räumlich orten, weil der Filter zur Ausschaltung der Nebengeräusche nicht aktiviert werden kann. Dies führt zu einer schnellen Ermüdung nach fünf bis zehn Minuten.
Der "Knackpunkt" liegt unterhalb der Schädelbasis. Bei Neugeborenen ist die Anlage noch sehr knorpelig und weich, die Schädelbasis ist noch nicht fest entwickelt. Im Laufe des Lebens verknöchern und verwachsen die Anlagen. Bei Erwachsenen und Babies haben die Knochen(-anlagen) völlig verschiedene Aufgaben.
Manualmedizin wird oft mit "Einrenken" gleichgesetzt. Die Manualtherapie ist ein weiteres Feld als diese Simplifizierung vermuten lässt. Nach der funktionellen Diagnose und Behandlung und der anschließenden Beratung erfolgt bei Bestätigung der KISS-Diagnose eine manualtherapeutische Behandlung. An diese schließen sich möglicherweise angezeigte apparative wie delegierende Therapien an.
Oft ist es hilfreich, wenigstens eine Manualtherapie zu probieren. Im Gegensatz zu vielen anderen Therapien ist eine Manualbehandlung durch einen erfahrenen Therapeuten unschädlich.
| Alter | Entwicklung |
|---|---|
| <3 Monate | unspezifische Symptomatik, Schlaf- und Essstörungen, Still- und Verdauungsprobleme |
| 3. Monat | Kopfkontrolle sollte vorhanden sein, Asymmetrie dominiert |
| ca. 12 Monate | Vertikalisierung, dadurch häufig weniger Schiefheit |
| 2.-4. Lebensjahr | kaum Auffälligkeiten |
| >5 Lebensjahre | sensomotorische Störungen, induzierte Dysgnosie, Dyspraxie |
Bei Schreikinder tritt bei etwa 35% ein unstillbares Schreien auf, bei 60% ein exzessives Schreiverhalten. Oft verschwinden diese Symptome sofort, d. h. innerhalb einer Woche (bei 75% der Babys). Bei anderen Kinder dauert es länger, wieder andere reagieren überhaupt nicht auf die Manuatherapie. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.
Das Röntgenbild ist für die Diagnose sehr wichtig, da sonst Kontraindikationen wie verkrüppelte Wirbel eventuell nicht erkannt werden. Es liefert auch Anhaltspunkte für die Richtung der Behandlung, das benötigte Ausmaß sowie die Art der Therapie. Darüber hinaus ist mit dem Röntgenbild eine Prognose sowie eine Vorher-Nachher Kontrolle möglich. "Function and dysfunction are as real as anatomy and pathological anatomy." Manchmal ist KISS im Röntgenbild nicht erkennbar, wenn z. B. der Wirbel nicht seitlich sondern nach vorn oder hinten verschoben ist.
KISS ist keine Modeerscheinung; der Orthopäde Andry beschäftigte sich bereits vor über 250 Jahren mit schiefen Kindern. Damals bestand die Therapie im Gerade ziehen; es wurden Korsetts angefertigt oder die Kinder wurden mit Hilfe von Sandsäcken fixiert. Auch heute noch werden in Gießen und Rotterdam etwa Helme angepasst, die die Kopfform begradigen sollen. Ein solcher Helm kostet etwa 10.000 DM.
Bei der Untersuchung eines Babies sitzt oder liegt der Behandler, das Baby schwebt über ihm. Die Behandlung erfolgt in Rückenlage des Kindes, da die Manipulation am Nacken durch eine entspannte Wirbelsäule vereinfacht wird.
Der große Unterschied zwischen einer Therapie mit Medikamenten und der Manualbehandlung liegt darin, dass bei Kleinkindern mit der Manualtherapie eine Heilung erzielt werden kann. Das ist bei Medikamenten ausgeschlossen. Bei ältern Kindern kann die Verspannung gelindert werden, schief verknöcherte Wirbel können allerdings nicht repariert werden. Wachstumsschmerzen im Knie sind häufig ausstrahlende Schmerzen und können oft mit einer Manipulation in der Wirbelsäule gebessert werden.
Nach der Behandlung geht es einem Teil der Patienten sofort besser, bei einigen dauert es zwei bis drei Wochen. Deswegen sollte nicht zu schnell hintereinander manualtherapeutisch behandelt werden. Auch zu viel kann irritieren.
Stand: 25. September 1999
Anmerkung: Mittlerweile praktiziert Dr. Biedermann nicht mehr in Dortmund. Robby Sacher hat seine Praxis übernommen. Mehr zu Heiner Biedermann finden Sie auf seiner Homepage (s. Links).
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